Dr. Robert Grimm | Ipsos
Dr. Robert Grimm | Ipsos

"Wir brauchen eine positive gesellschaftliche Identität – ohne Pathos, aber mit klaren Werten"

Dr. Robert Grimm schildert im Interview zum Thema Stimmungswende, welche Faktoren er für die aktuelle Stimmung verantwortlich sieht, wie die Stimmung in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern ist und was sich ändern müsste, damit sich diese wieder aufhellen würde.

Herr Grimm, wie würden Sie die aktuelle Stimmung in Deutschland beschreiben – und wie steht sie im internationalen Vergleich?

Robert Grimm: Die Stimmung ist derzeit eindeutig negativ. Viele Menschen sorgen sich um die wirtschaftliche Lage und um ihren Wohlstand. Die Arbeitslosigkeit ist auf 6 Prozent gestiegen, und regelmäßig liest man von Arbeitsplatzabbau, gerade in der Industrie. Dazu kommt Unzufriedenheit mit der Politik: Die Regierungskoalition wirkt zerstritten und wenig handlungsfähig.

Gleichzeitig sehen viele, dass zentrale Versprechen des Staates – etwa in Bildung, Gesundheit, Wohnen oder Infrastruktur – kaum noch eingelöst werden. Diese Mischung aus ökonomischer Unsicherheit und politischer Orientierungslosigkeit drückt stark auf die Stimmung.

Ist das eine deutsche Besonderheit – oder erleben andere Länder Ähnliches?

Robert Grimm: Das ist kein rein deutsches Phänomen. Auch in Frankreich, Großbritannien oder Schweden ist die Stimmung angespannt. Frankreich zum Beispiel wirkt politisch fast blockiert, Reformen werden zurückgenommen, das Vertrauen in die Politik ist gering.

Insgesamt scheinen viele westliche Industrienationen in einer ähnlichen Phase zu sein: Nach Jahrzehnten des Wohlstands und Wachstums werden die Modelle der Nachkriegszeit infrage gestellt – durch demografischen Wandel, hohe Staatsverschuldung und den Wandel der Arbeitswelt.

Im globalen Süden ist die Stimmung dagegen oft optimistischer, weil viele Länder sich ökonomisch entwickeln und die Baseline von einem niedrigeren Niveau kommt. In Asien etwa herrscht Aufbruchsstimmung.

Deutschland dagegen fällt von einem sehr hohen Wohlstandsniveau – das macht den gefühlten Absturz größer.

Was unterscheidet die aktuelle Lage von früheren Krisenzeiten?

Robert Grimm: Einerseits die Dauer und Gleichzeitigkeit der Krisen – wirtschaftlich, geopolitisch, gesellschaftlich. Andererseits die mediale Verstärkung: Wir leben in einer Welt permanenter Krisenkommunikation.

Ob in Nachrichten oder Schulen – überall wird vermittelt, dass wir am Rand des Abgrunds stehen, kurz vor der Apokalypse, ob beim Klima oder in der Politik. 

Diese ständige Alarmstimmung prägt unser Denken. Wir müssen wieder lernen, auch Positives zu sehen und Erfolge wahrzunehmen.

Ich finde, Politik und Medien haben hier eine Verantwortung, das Vertrauen der Menschen in Fortschritt und Gestaltungskraft wieder zu stärken.

Welchen Einfluss haben Medien und vor allem soziale Netzwerke auf diese Wahrnehmung?

Robert Grimm: Soziale Medien haben zweifellos vieles verändert. Sie demokratisieren den Zugang zu Information – das ist erst einmal etwas Positives. Jeder kann publizieren, diskutieren, Ideen teilen. Plattformen wie LinkedIn zeigen, dass das auch im professionellen Umfeld gut funktionieren kann.
Natürlich gibt es Schattenseiten: Der Verlust an Kontrolle und Orientierung, die Fragmentierung der Öffentlichkeit.

Aber ich halte nichts davon, soziale Medien zu verteufeln oder für junge Menschen zu verbieten. Gerade junge Menschen informieren sich dort über Politik und Gesellschaft – das ist Teil einer lebendigen Demokratie.

Was müsste passieren, damit sich die Stimmung wieder verbessert?

Robert Grimm: Die Politik kann nicht alles allein lösen, aber sie kann Rahmenbedingungen verändern und die Probleme der Menschen ernstnehmen. Menschen müssen erleben, dass ihre alltäglichen Probleme ernst genommen und gelöst werden. Wenn die Politik zeigt, dass sozialer Wohnungsbau beschleunigt werden kann oder der Zugang zu Fachärzten einfacher wird, dann schafft das Vertrauen.

Wichtig sind auch langfristige Impulse – etwa Investitionen in Bildung, Innovation und Technologie. Deutschland muss wieder ein Land werden, das an seine Zukunft glaubt und an sich selbst. Dazu gehört auch ein Stück Stolz auf das, was hier gut funktioniert.

Und wir brauchen eine positive gesellschaftliche Identität – ohne Pathos, aber mit klaren Werten. Bildung, Offenheit, Demokratie, Fortschritt – das könnten Pfeiler eines neuen Selbstverständnisses sein.

Könnte ein solch positiver Impuls auch kulturell oder sportlich ausgelöst werden – wie bei der WM 2006 in Deutschland?

Robert Grimm: Ja, große Ereignisse können tatsächlich verbindend wirken. Studien zeigen, dass sportliche Erfolge kurzfristig die Stimmung im Land verbessern. Aber wichtiger ist, dass wir uns wieder auf Werte besinnen, die uns als Gesellschaft stark machen.

Ich habe viele Jahre im Ausland gelebt. Da gab es schon auch Felder, wo man stolz sein konnte: Vorsprung durch Technik, der Industriestandort, Pünktlichkeit und Fleiß.

Heute sind viele dieser positiven Identifikationspunkte verschwunden. Wir sind nicht mehr pünktlich, uns wird nachgesagt, wir wären nicht mehr fleißig, sparsam sind wir auch nicht, wir haben relativ hohe Schulden und die Autos sind schon lange nicht mehr ganz vorne dabei.

Langfristig können nur die Verbesserung des Bildungssystems, eine innovative Wirtschaft und eine offene, liberale Gesellschaft die positive, vorwärtsschauende Identität zurückbringen.

Das Interview mit Dr. Robert Grimm führte Holger Geißler, es erschien zuerst am 20.11.2025 auf marktforschung.de.

 

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