Deutsche Zukunft: von der Wirtschaftsmacht zur Sinnsuche
Die Wahl markiert einen Wendepunkt in der jüngeren Geschichte des Landes. Sie spiegelt die tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen wider, die sich im Laufe des vergangenen Jahrzehnts entwickelt haben und die deutsche Zukunft maßgeblich beeinflussen werden.
Wie die Merkel-Jahre die politische Landschaft Deutschlands prägten
Unter Angela Merkel galt Deutschland lange Zeit als Inbegriff von Stabilität und wirtschaftlicher Belastbarkeit. Das Land steuerte erfolgreich durch die globale Finanzkrise und die europäische Schuldenkrise, behauptete sich dabei wirtschaftlich und festigte seinen internationalen Ruf als Standort für Qualität und Innovation. Die Marke „Made in Germany“ stand weltweit für Exzellenz, insbesondere im Maschinenbau und in der Automobilbranche.
Auch in gesellschaftspolitischer Hinsicht setzte Merkel Maßstäbe. So nahm Deutschland zwischen 2015 und 2016 über 1,1 Millionen syrische Geflüchtete auf. Was damals vielerorts als Ausdruck demokratischer Überzeugung galt, stellte später auch die Weichen für tiefgreifende Herausforderungen in den Bereichen Integration und gesellschaftlicher Zusammenhalt.
Migration & Identität: Was Zuwanderung für die deutsche Zukunft bedeutet
In den vergangenen Jahren sah sich Deutschland zunehmend mit den Folgen intensiver Migrationsbewegungen konfrontiert. Der Krieg in der Ukraine löste eine neue Fluchtwelle aus: Seit Beginn der russischen Invasion im Februar 2022 sind über eine Million Menschen aus der Ukraine nach Deutschland gekommen. Zusätzlich stellten zwischen 2015 und 2024 rund drei Millionen Geflüchtete aus anderen Herkunftsländern Asylanträge, darunter viele junge Männer aus Syrien, Afghanistan, der Türkei, dem Irak und Somalia. Insgesamt lag die Nettozuwanderung aller ausländischen Staatsangehörigen (Geflüchtete, Asylsuchende, Arbeitsmigrant:innen und Angehörige im Rahmen der Familienzusammenführung) zwischen 2015 und 2023 bei rund sechs Millionen Menschen – eine Ziffer, die die kombinierte Bevölkerung von Berlin und Hamburg übersteigt.
Viele der seit 2015 aufgenommenen Geflüchteten sind bis heute nicht vollständig in den Arbeitsmarkt integriert. So liegt die Erwerbstätigenquote bei Syrer:innen bei 61 Prozent, bei Ukrainer:innen hingegen nur bei 23 Prozent. Terroranschläge, eine steigende Kriminalitätsrate unter Migrant:innen sowie die wachsende Belastung des Sozialsystems sorgen in der öffentlichen Debatte für neue Bruchlinien. Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kosten der Migration werden in Deutschland kontrovers diskutiert. Laut Daten von Ipsos ist Zuwanderung derzeit das größte Sorgenthema der deutschen Bevölkerung. Parteien wie die rechtspopulistische Alternative für Deutschland (AfD) und das neu gegründete links-konservative Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) nutzen diese Stimmung gezielt aus und stellen damit die gewohnten politischen Verhältnisse infrage.
Deutschlands größte Sorgen im Mai 2025
38 Prozent der Deutschen machen sich vor allem Sorgen um die Kontrolle von Zuwanderung. 29 Prozent fürchten Kriminalität und Gewalt. Auch die Angst vor Extremismus wächst.

Wirtschaftlicher Druck und Angst vor Deindustrialisierung
Die einst so starke deutsche Wirtschaft steht heute unter erheblichem Druck. Die aktuelle Lebenshaltungskostenkrise wurde durch die Nachwirkungen pandemiebedingter Lieferkettenprobleme sowie den russischen Angriff auf die Ukraine weiter verschärft, sodass die Inflation im Oktober 2022 auf über 10 % stieg. Zwar konnte sie seither etwas eingedämmt werden, doch Alltagsprodukte wie Butter verteuerten sich bis Ende 2024 weiterhin deutlich. Erst im Verlauf des Jahres 2024 wuchsen die Reallöhne wieder schneller als die Inflation – für viele Menschen kam das zu spät, um die finanzielle Unsicherheit auszugleichen.
Der Krieg in der Ukraine hat zugleich die Energiepreise in Höhen getrieben, die für viele energieintensive Branchen in Deutschland kaum noch tragbar sind. Der Kohleausstieg, der Verzicht auf Atomenergie und der schleppende Netzausbau haben die aktuelle Lage in Deutschland zusätzlich verschärft. Gleichzeitig hat Deutschland aufgrund komplizierter Bürokratie und Überregulierung als Investitionsstandort an Attraktivität verloren. Auch international sieht sich die exportorientierte Industrie mit Herausforderungen konfrontiert: Einerseits wächst die Unsicherheit durch Protektionismus und neue Handelszölle, andererseits verlieren deutsche Produkte in Märkten wie China im Wettbewerb mit einheimischen Produkten ihren Innovationsvorsprung. Ende 2024 kündigten große Konzerne wie VW, Continental und BASF Stellenkürzungen an, was Befürchtungen einer bevorstehenden Deindustrialisierung verstärkte. In dieser prekären wirtschaftlichen Lage hat sich wirtschaftliche Kompetenz zu einem Faktor entwickelt, der die Wahlentscheidungen deutscher Wähler:innen maßgeblich mitbestimmt.
Einschätzung der Wirtschaftslage nach Einkommensgruppen – Anteil derjenigen, die die Lage als „sehr/eher gut“ beurteilen
„Wie würden Sie die derzeitige wirtschaftliche Lage in Deutschland beschreiben?”
Neuausrichtung der Sicherheitspolitik unter der neuen deutschen Regierung
Auch die Verteidigungsstrategie Deutschlands steht zunehmend auf dem Prüfstand. Historisch gesehen profitierte das Land von einer „Friedensdividende“, wobei die Verteidigungsausgaben 2021 mit nur 1,33 Prozent des BIP einen Tiefstand erreichten. Die Bundeswehr ist derzeit nicht in der Lage, Deutschland zu schützen, geschweige denn die östlichen Grenzen seiner europäischen und NATO-Verbündeten zu sichern. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine sowie veränderte geopolitische Rahmenbedingungen wie die schrittweise Abkehr der USA von transatlantischen Partnerschaften, haben ein Umdenken in der deutschen Sicherheitspolitik ausgelöst.
Heute zählt Deutschland zu den größten Unterstützern der Ukraine und hat zum ersten Mal seit 1945 Kampfpanzer an die Ostflanke Europas entsandt. Dieser Kurswechsel ist tiefgreifend, spaltet jedoch die öffentliche Meinung, mit noch ungewissen Folgen für die deutsche Zukunft. Besonders in Ostdeutschland ist die Unterstützung für die Ukraine deutlich geringer ausgeprägt als im Westen. Auch hier positionieren sich Parteien am politischen Rand gegen weitere Ukraine-Hilfen und höhere Verteidigungsausgaben.
Unterstützung für Waffenlieferungen an die Ukraine
„Was ist Ihre Meinung? Sollte Deutschland weiterhin Waffen an die Ukraine liefern?“
Antwortverhalten differenziert nach Parteipräferenz der Befragten. Stand: Januar 2025.
Alltagssorgen – und was sie über die politische Landschaft Deutschlands verraten
Neben den großen politischen Themen prägen auch alltägliche Frustrationen die Stimmungslage in Deutschland. Dabei verstand sich das Land lange als Inbegriff von Effizienz und Verlässlichkeit. Daten von Ipsos zeigen, dass der Unmut in der Bevölkerung spürbar wächst. Besonders die steigenden Mieten und Immobilienpreise in Großstädten wie Berlin, Hamburg, Frankfurt oder München bereiten vielen Menschen Sorgen. Für zahllose angehende Häuslebauer ist der Traum vom Eigenheim, einst ein Sinnbild bürgerlicher Sicherheit, in weite Ferne gerückt.
Auch mit dem Gesundheitssystem sind viele unzufrieden: Obwohl es zu den teuersten weltweit gehört und die Beiträge weiter steigen, bleiben die Wartezeiten auf Facharzttermine lang. Der chronische Investitionsstau zeigt sich in vielen Bereichen der öffentlichen Infrastruktur. Funklöcher, ein unzuverlässiger Bahnverkehr und marode Brücken prägen hier das Bild. Auch das einst hochgepriesene Bildungssystem verliert an Boden.
Fragmentierung & Vertrauensverlust nach der Deutschland-Wahl 2025
Die Ampelkoalition aus SPD, Grünen und FDP war nach sechzehn Jahren unter Angela Merkel die erste Regierung ohne Unionsbeteiligung. Sie war mit dem Anspruch angetreten, dringend benötigte Reformen und Investitionen auf den Weg zu bringen. Doch ideologische Gräben zwischen staatlich gelenkten Wirtschaftsmodellen und liberalem Marktkurs lähmten die Regierung. Die Folge: politische Blockaden, wachsender Vertrauensverlust und eine beispiellose Unzufriedenheit in der Bevölkerung. Im November 2024 zerbrach schließlich die Koalition.
Zufriedenheit mit Bundeskanzler & Regierung im Zeitverlauf
„Auf einer Skala von 1 bis 10 – wie bewerten Sie die Arbeit von Bundeskanzler Olaf Scholz und der Bundesregierung insgesamt?“
(Nettowert: Anteil „sehr zufrieden“ abzüglich Anteil „sehr unzufrieden“)
Vor dem Hintergrund wirtschaftlicher, sozialer und verteidigungspolitischer Verwerfungen fand die vorgezogene Bundestagswahl im Februar 2025 statt. Obwohl erwartet wurde, dass die Union (CDU/CSU) von den Schwierigkeiten der Koalition profitieren würde, gelang es ihr nicht, daraus Kapital zu schlagen. Seit rund zwei Jahren kommt die Partei nicht über 30 Prozent hinaus, und mit Friedrich Merz stellte sie einen der unbeliebtesten Kanzlerkandidaten in der Geschichte der Bundesrepublik.
Bevorzugter Kanzlerkandidat vor der Wahl
„Die nächste Bundestagswahl findet 2025 statt. Wer von den folgenden Politiker:innen wäre Ihrer Meinung nach am besten für das Amt des Bundeskanzlers geeignet?”
Obwohl die Konservativen bei der Bundestagswahl im Februar 2025 als stärkste Kraft hervorgingen, blieb das Ergebnis mit nur 28,5 Prozent hinter den Erwartungen zurück und lag sogar unter dem Wert der Europawahl ein halbes Jahr zuvor (30 %). Es ist das zweitschlechteste Wahlergebnis in der Geschichte der Union. Die Parteien der scheidenden Ampelkoalition erlitten ein ähnliches Schicksal: Die SPD verzeichnete mit 16,4 Prozent ihr historisch schlechtestes Ergebnis, die Grünen erreichten für sie enttäuschende 11,6 Prozent der Stimmen, und die liberale FDP scheiterte sogar an der Fünf-Prozent-Hürde für den Einzug in den Bundestag.
Als klare Gewinner gingen die Linkspartei und die AfD aus der Wahl hervor. Die Linke positionierte sich als progressive Kraft, die sich für eine liberale Migrationspolitik und soziale Gerechtigkeit einsetzt, und konnte damit vor allem die von den Grünen enttäuschten Großstadtwähler:innen für sich gewinnen. Die AfD hingegen zog als zweitstärkste Fraktion in den Bundestag ein – ein deutliches Signal für den politischen Rechtsruck in Teilen der deutschen Gesellschaft.
Nach der Wahl 2025: Wohin steuert die Politik in Deutschland?
Trotz aller Herausforderungen hat die Bundestagswahl auch die Lebendigkeit der deutschen Demokratie unter Beweis gestellt: Mit einer Wahlbeteiligung von 82,5 Prozent verzeichnete sie einen der höchsten Werte der vergangenen Jahrzehnte. Die Wähler:innen konnten aus einem breiten politischen Spektrum wählen, von liberalen und sozialdemokratischen Parteien über Grüne und Konservative bis hin zu Rechtsaußen und zwei verschiedenen linken Strömungen.
Die politische Zukunft Deutschlands bleibt dennoch ungewiss. Beide Koalitionspartner sind durch das Wahlergebnis geschwächt, und das Vertrauen in die Regierung ist bereits jetzt gering. Gemeinsam verfügen CDU/CSU und SPD nur über eine knappe Mehrheit im Bundestag. Für dringend nötige Reformen reicht das nicht – dafür braucht es eine breitere parlamentarische Unterstützung. Änderungen am Grundgesetz benötigen eine Zweidrittelmehrheit im Parlament. Das würde eine Zusammenarbeit mit der Linken oder der AfD erforderlich machen – eine Option, die die Union entschieden ablehnt.
Vertrauen in die Regierung ist gering
„Bei der Bundestagswahl am 23. Februar 2025 ging die CDU/CSU als stärkste Kraft hervor. Voraussichtlich wird es nun auf eine Regierungsbildung mit der SPD hinauslaufen. Glauben Sie, dass eine Große Koalition den Herausforderungen der kommenden Jahre gewachsen ist?”
In einem ungewöhnlichen Manöver hat die Regierung noch vor ihrem Amtsantritt Gesetzesvorhaben mit dem alten Bundestag zu verabschiedet, in dem die demokratischen Mehrheitsverhältnisse für sie günstiger waren. Dies unterstreicht die Dringlichkeit der vielschichtigen Herausforderungen Deutschlands, die von Wirtschaftsreformen und Migrationspolitik bis hin zur Energiewende und Verteidigungsstrategie reichen.
Deutschland steht an einem Scheideweg. Das Land muss den Balanceakt zwischen wirtschaftlichem Druck, gesellschaftlichem Zusammenhalt und politischer Zersplitterung meistern. Die politischen Entscheidungen dieser Phase werden die deutsche Zukunft für viele Jahre prägen. Sie erfordern eine starke Führung, die Gräben überwindet und eine gemeinsame Vision für eine widerstandsfähige, inklusive Zukunft entwickelt.
Ipsos ist stolz darauf, den Wahlausgang präzise vorhergesagt zu haben. Wir beobachten die politische Stimmung in Deutschland kontinuierlich und veröffentlichen regelmäßig Umfragen zur öffentlichen Meinung. Mehr zu unseren Lösungen Sie auf unserer Website.
Zum Autor
Dr. Robert Grimm promovierte an der Manchester Metropolitan University in Soziologie. Seit 2016 leitet er die Politik- und Sozialforschung bei Ipsos in Deutschland. Davor war er Senior Fellow und Mitbegründer der Denkfabrik Policy Evaluation und Research Institute in Manchester. Robert Grimm ist außerdem Gastprofessor für Social Policy an der Manchester Metropolitan University.
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