Das Misstrauen ist groß - Studie zu Vertrauen, Populismus und Politikverdrossenheit

Hamburg, 27.09.2018 Sechs von zehn Deutschen (60%) sind der Meinung, dass das bestehende System die Reichen und Mächtigen fördert // 47 Prozent sind der Ansicht, die Bürger seien den traditionellen Parteien und Politikern gleichgültig // Drei Viertel (75%) misstrauen politischen Parteien in Deutschland, in Spanien und Ungarn fast jeder (90%) // Zwei Drittel (67%) der Deutschen misstrauen ihren Banken, 72 Prozent großen privatwirtschaftlichen Unternehmen // Jeder zweite Deutsche wünscht sich Politiker, die sich klar positionieren.

Das Misstrauen ist groß - Studie zu Vertrauen, Populismus und Politikverdrossenheit

„Vertrauenskrise“ ist das viel genutzte alarmierende Schlagwort, mit dem die gegenwärtige volatile politische Kultur in Europa in der Öffentlichkeit diskutiert wird.

Eine Distanz zwischen Regierenden und Regierten findet sich auch in der aktuellen internationalen Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Ipsos wieder. Das bestehende System fördere die Reichen und Mächtigen, glauben global 63 Prozent der Befragten in 25 Ländern. In Russland (75%) und den lateinamerikanischen Ländern zeigen sich in dieser Frage besondere Ausschläge nach oben. In Deutschland sind sechs von zehn Bürgern dieser Meinung (60%). Beinahe jeder zweite Deutsche (47%) ist der Auffassung, dass die Bürger traditionellen Parteien und Politikern gleichgültig sind. In Russland und in Frankreich äußern sogar mehr als zwei Drittel der Menschen diese Meinung.

Parteien und Regierungen genießen weltweit wenig Vertrauen

Es ist deshalb wenig erstaunlich, dass politische Parteien von allen Institutionen das geringste Vertrauen der Bürger genießen. Im internationalen Durchschnitt misstrauen ihnen 79 Prozent, in Deutschland sind es 75, in Spanien und Ungarn beinahe 90 Prozent. Zugleich ist ein Großteil der Deutschen skeptisch, dass die Regierung ihrer Aufgabe nachkommt, die Interessen der Bürger zu vertreten (66%). Besonders die Spanier haben eine negative Meinung gegenüber ihrer Regierung: 85 Prozent von ihnen misstrauen den gegenwärtigen Entscheidungsträgern. Internationale Institutionen werden ebenfalls als wenig vertrauenswürdig betrachtet. Die Deutschen sind dabei überdurchschnittlich misstrauisch: Gut jeder Zweite (52%) hat kein Vertrauen in sie, während das globale Mittel mit 47 Prozent knapp darunter liegt. Das größte Misstrauen gegenüber internationalen Institutionen gibt es in Italien und Spanien (jeweils 65%). Auch die Medien sind von dem Vertrauensentzug betroffen: Sechs von zehn (59%) Deutschen misstrauen ihnen als Institution. Global haben sogar 65 Prozent der Befragten kein Vertrauen in die Medien.

Misstrauen gegenüber Banken weiterhin groß

Seit der Finanzkrise hat sich das Vertrauen in das Finanzsystem in den europäischen Ländern nicht erholt. Noch immer haben Spanier (85%), Italiener (78%) und Franzosen (69%) großes Misstrauen gegenüber ihren Banken. In Deutschland sind es 67 Prozent. Die Deutschen wiederum misstrauen besonders privatwirtschaftlichen Unternehmen: 72 Prozent äußern sich entsprechend. Damit ist das Misstrauen gegenüber Unternehmen in Deutschland mehr als doppelt so hoch wie in Indien (31%). Lediglich Menschen in Südkorea und in Spanien haben ein noch größeres Misstrauen in Unternehmen als die Deutschen (jeweils 73%). Am geringsten misstrauen die Deutschen dem Justizsystem: Nur 44 Prozent haben kein Vertrauen. 

Der große Wunsch: Politiker sollen Tacheles reden

Neben diesen Misstrauenswerten zeigen die Ipsos Umfragedaten in Deutschland einen klaren Wunsch nach einer politischen Debattenkultur. Die Deutschen wünschen sich Politiker, die sagen können, was sie denken – egal, was andere davon halten, und befürworten damit klare Positionierungen und Konfrontation: Tacheles reden ist Wunsch von gut jedem zweiten Bürger (56%). Dieses Anliegen ist jedoch nicht anti-demokratisch, sondern offenbart ein Bedürfnis nach Transparenz in einer Zeit, in der sich scheinbar gegensätzliche politische Positionen in einer gemeinsamen Koalition vermengen.

Aber: Deutsche lehnen Führer ab, der bereit ist Regeln zu brechen

Aber, und dahingehend sind die Deutschen noch immer außerordentlich in ihrer politischen Kultur, zum großen Teil lehnen sie einen starken Führer ab, der bereit ist, die Regeln zu brechen. Nur 17 Prozent der Deutschen befürworten einen solchen Führungsstil. In Russland und in der Türkei sind es jeweils 65 Prozent und selbst in Frankreich wünschen sich 61 Prozent der Befragten eine starke Führungsfigur. Im internationalen Vergleich sind die Deutschen auch nicht sonderlich experimentierfreudig, wenn es um Politik geht. Immerhin halten 44 Prozent der Deutschen neue Parteien oder Führungspersonen mit radikalen Transformationswünschen für ein Risiko. Damit sind sie im Vergleich zu ihren westeuropäischen Nachbarn beinahe verhalten. In Italien sehen nur 24% und in Großbritannien 28% ein Risiko in radikalen politischen Ideen. Trotzdem ist diese Zurückhaltung in Deutschland kein Freibrief für bereits gewählte Entscheidungsträger. Nur ein Fünftel (21%) der Deutschen glaubt, sich in der gegenwärtigen Zeit auf Menschen verlassen zu können, die schon einmal ein politisches Amt innehatten.

Im Vergleich zum Krisenjahr 2016 sind die Einstellungen in Deutschland allerdings sichtbar positiver geworden. So glaubten im Vorwahljahr noch 47 Prozent der Deutschen, das Land läge im Niedergang. 2018 sind es nur noch 25 Prozent. Auch die Vertrauenswerte in die politischen Institutionen haben sich verbessert.

Dr. Robert Grimm, Leiter von Ipsos Public Affairs in Deutschland resümiert: „Wir betrachten Vertrauen in politische System grundsätzlich als pro-demokratisch, dennoch ist Mistrauen nicht gleichzusetzen mit anti-demokratischen Einstellungen. Schließlich kann Misstrauen bekanntlich auch „gesund“ sein, solange es konstruktiv hinterfragt wird und dazu verhilft, eigene Positionen zu reflektieren.  Skeptizismus ist durchaus eine Quelle von Engagement und Veränderung. Abgesehen von zu verurteilenden radikal-extremistischen Auswüchsen sind emotionale Debatten, wie wir sie gerade Bundestag erleben, aber auch die Politik der Straße von Demonstrationen und Gegendemonstrationen Ausdruck einer lebendigen Demokratie. Wichtig ist dabei nur, dass diese belebte Demokratie auch einen Ruhepunkt findet, damit vor lauter Uneinigkeit auch regiert werden kann.“

 

Methode

Die dargestellten Ergebnisse wurden im Juni und Juli 2018 im Rahmen einer umfassenden Befragung zu Einstellungen und Treibern der politischen Stimmung weltweit erhoben. Dabei wurden verschiedene Fragen aus der vorangegangenen Studie „Power to the people? Beyond populism“ erneut aufgenommen. Die dargestellten Ergebnisse basieren auf einer internationalen Stichprobe von 17.203 Befragten, wobei in den USA und Kanada die Altersgrenze bei 18 bis 64 Jahren lag, in allen anderen Ländern bei 16 bis 64 Jahren.

Die Befragung wurde in 25 Ländern weltweit im Rahmen einer Global Advisor Studie mittels der Ipsos Online Panels erhoben: In Australien, Brasilien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Kanada, Spanien und den USA mit jeweils 1.000 Interviews, in Argentinien, Belgien, Chile, Indien, Malaysia, Mexiko, Peru, Polen, Saudi-Arabien, Schweden, Südafrika, Südkorea, Russland, Türkei und Ungarn mit jeweils 500 Interviews. Die Daten wurden bevölkerungsrepräsentativ gewichtet.

 

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