Unzufriedenheit und Vertrauensverlust heizen Populismus in Deutschland an

Hamburg, 27. März 2024 – Das Jahr 2024 ist angesichts wachsender populistischer Tendenzen wohl das größte politische Experiment in der Geschichte der Menschheit. Rund vier Milliarden Menschen werden in mehr als 70 Ländern ihre Stimme abgeben. In Deutschland stehen neben der Europawahl drei kritische Landtagswahlen im Osten an. Mit welcher Haltung – oder Hoffnung – zu den Urnen geschritten wird, hat Ipsos in einer internationalen Umfrage in 28 Ländern hinterfragt. Demnach sind zwei von drei Bundesbürger:innen (67 %) der Ansicht, die deutsche Gesellschaft sei zerrüttet, nur 11 Prozent stimmen dieser Aussage nicht zu, 22 Prozent sind unentschieden.

Populistische Stimmung im Superwahljahr 2024

Ebenso pessimistisch befinden 63 Prozent der Befragten, mit Deutschland gehe es bergab, 2021 schlossen sich mit 47 Prozent deutlich weniger dieser Aussage an. Im weltweiten Vergleich nimmt Deutschland beim Urteil über den Zustand der Gesellschaft einen der unbequemen Spitzenplätze ein. Noch pessimistischer sind nur die Menschen in Südafrika (76 %), Schweden (73 %) und Ungarn (69 %).

Wenig Vertrauen in Politik, Wirtschaft und Expertentum

Die Frustration ist groß im Hinblick auf Politik und Wirtschaft: Dass traditionelle Parteien und Politiker:innen sich nicht um die Belange der Menschen kümmern, glauben 59 Prozent der Deutschen – 10 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Auch dass die Wirtschaft zugunsten von Reichen und Mächtigen agiert, ist in den 28 befragten Ländern eine weit verbreitete Ansicht und wird, wie im Vorjahr, von 62 Prozent der Deutschen geteilt. Wenn es um Expert:innen geht, ist man in Deutschland positiver eingestellt als in den meisten anderen Ländern. Dennoch meint gut jede:r Zweite (53 %), dass Expert:innen in diesem Land die Lage der Menschen nicht verstehen.

Dr. Robert Grimm, Leiter der Politik- und Sozialforschung bei Ipsos in Deutschland, erläutert die Lage: 

Die zunehmende Politikverdrossenheit und ein Rechtsruck in der deutschen Gesellschaft bieten vielen berechtigterweise einen Anlass zur Sorge um den Zustand und die Zukunft unseres Landes. Eine rechtsextreme Partei war in der Nachkriegszeit noch nie so erfolgreich wie heute. Auch hat die Politik ihr Ziel klar verfehlt, das Bild gesellschaftlicher Eliten in den Augen der Bürgerinnen und Bürger zu verbessern und mehr Vertrauen zu wecken. Das Misstrauen in der Bevölkerung gegenüber Eliten war jedoch bereits in den letzten Jahren der Ära Merkel auf dem heutigen Stand. Die Ampelkoalition kann dafür nicht verantwortlich gemacht werden. Dass die Deutschen in vielen Bereichen sogar weniger verdrossen sind als die Menschen in den anderen befragten Ländern, gibt außerdem Anlass zur Hoffnung, dass unsere Demokratie stabiler ist als häufig angenommen.

Aus der Geschichte gelernt: Nur eine Minderheit in Deutschland wünscht sich starken Anführer

Die Ansicht, dass es einer starken Führungspersönlichkeit bedarf, die das Land von den Reichen und Mächtigen zurückerobert, ist in Deutschland im Vergleich zu den anderen Ländern wenig verbreitet. Nur 38 Prozent der Bundesbürger:innen teilen diese Meinung, etwa ebenso viele lehnen sie explizit ab (35%), 28 Prozent sind unentschieden. Damit bildet Deutschland mit großem Abstand das Schlusslicht, im weltweiten Schnitt wünschen sich 63 Prozent einen solchen Anführer. Entsprechend glaubt auch nur eine Minderheit von 27 Prozent in Deutschland, einen starken Anführer zu brauchen, der bereit ist, die Regeln zu brechen, um die Situation in Deutschland zu verbessern. 45 Prozent der Bundesbürger:innen sprechen sich klar dagegen aus.

Populismus in Deutschland und der Welt


Deutschland positives Schlusslicht beim Broken-System-Index

Der Broken-System-Index bildet sich aus dem Durchschnitt der Zustimmungswerte zu fünf der abgefragten Aussagen. Verglichen mit dem Gesamtdurchschnitt von 61 Prozent nimmt Deutschland zusammen mit den Niederlanden mit jeweils 48 Prozent einen positiven letzten Platz im Ranking ein, das von Thailand (76 %), Südafrika (73 %) und Indien (70 %) angeführt wird.

Migrationsskepsis in Deutschland: zwischen Zuspitzung und Entspannung

Dass Deutschland bei einem Einwanderungsstopp ein stärkeres Land wäre – diese Meinung vertreten hierzulande 46 Prozent der Befragten. Dieser Wert entspricht dem von 2023, liegt aber 10 Prozentpunkte über der Messung von 2021. Andererseits glauben nur 23 Prozent der Deutschen, dass Migrant:innen ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen – so wenige wie in keinem anderen befragten Land und unverändert zu den Vorjahresbefragungen.

Blickpunkt USA: Anti-Elitismus könnte US-Wahl entscheiden

Im Vorfeld der Präsidentschaftswahl in den USA sind 65 Prozent der US-Amerikaner:innen der Ansicht, dass die Gesellschaft im eigenen Land zerrüttet ist. Dass es mit den USA bergab geht, glauben 59 Prozent – beides Werte, die mit der aktuellen Stimmung in Deutschland vergleichbar sind.

Zwei von drei US-Amerikaner:innen (66 %) denken außerdem, die Wirtschaft sei manipuliert zugunsten der Reichen und Mächtigen. Auch die Skepsis gegenüber den Eliten in Politik, Wirtschaft, Medien und Wissenschaft ist ausgeprägt: Eine knappe Mehrheit (53 %) glaubt, dass diese Eliten vorrangig Eigeninteressen verfolgen und nicht die Bedürfnisse der breiten Bevölkerung berücksichtigen. Zwei Drittel der US-Amerikaner:innen sehnen sich denn auch nach einem starken Anführer, der das Land den Reichen und Mächtigen entreißt (66 %). 40 Prozent plädieren für eine Führungspersönlichkeit, die willens ist, die Regeln zu brechen – nur gut ein Viertel der Befragten lehnt das eindeutig ab (27 %).

Die systemfeindliche Stimmung unter den Amerikanern ist seit 2016 relativ konstant. Hier trifft Donald Trump als Verfechter eines zerrütteten Landes den vorherrschenden Zeitgeist. Joe Biden hingegen ist für viele der Kandidat des Establishments schlechthin, so Dr. Robert Grimm.

Migration wird zweifelsfrei eines der großen Wahlkampfthemen bleiben, wobei 39 Prozent der befragten US-Amerikaner:innen nicht daran glauben, dass ihr Land bei einem Einwanderungsstopp stärker wäre. Dennoch hält es die Hälfte (49 %) für richtig, wenn Arbeitgeber in Zeiten von Arbeitsplatzmangel Einheimischen gegenüber Einwander:innen den Vorzug geben.

Methodik

Die Ergebnisse stammen aus der Ipsos Global Advisor-Studie »Populism in 2024«. Bei der Online-Umfrage wurden zwischen dem 22. November und dem 06. Dezember 2023 insgesamt 20.630 Personen aus 28 Ländern über das Ipsos Online Panel-System interviewt.

In Kanada, Malaysia, Südafrika, der Türkei und den USA waren die Befragten zwischen 18 und 74 Jahren alt, in Indien älter als 18 Jahre, in Thailand zwischen 20 und 74 Jahren, in Indonesien und Singapur zwischen 21 und 74 Jahren und in allen anderen Ländern zwischen 16 und 74 Jahren.

In Australien, Brasilien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Kanada, Spanien und den USA umfasste die Stichprobe etwa 1.000 Personen. In Argentinien, Belgien, Chile, Indonesien, Kolumbien, Malaysia, Mexiko, den Niederlanden, Peru, Polen, Schweden, Singapur, Südafrika, Südkorea, Thailand, der Türkei und Ungarn wurden jeweils etwa 500 Personen befragt. Die Stichprobe in Indien besteht aus etwa 2.200 Personen, von denen etwa 1.800 persönlich und 400 online befragt wurden.

Die Stichproben in Argentinien, Australien, Belgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Kanada, den Niederlanden, Polen, Schweden, Spanien, Südkorea, Ungarn und den USA können als repräsentativ für die allgemeine erwachsene Bevölkerung unter 75 Jahren angesehen werden. Die Stichproben der anderen 12 befragten Ländern sind städtischer, gebildeter und/oder wohlhabender als die Allgemeinbevölkerung. Die Umfrageergebnisse für diese Länder sollten als Ausdruck der Ansichten des "besser vernetzten" Teils der Bevölkerung betrachtet werden.

Die Daten wurden so gewichtet, dass die Stichprobenzusammensetzung jedes Marktes das demografische Profil der erwachsenen Bevölkerung gemäß den neuesten Volkszählungsdaten am besten widerspiegelt. Der "Globale Länderdurchschnitt" spiegelt das durchschnittliche Ergebnis für alle Länder und Märkte wider, in denen die Umfrage durchgeführt wurde. Er wurde nicht an die Bevölkerungsgröße der einzelnen Länder oder Märkte angepasst und soll nicht als Hinweis auf ein Gesamtergebnis dienen.
 

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