Wohnungsmarkt: Mehrheit für stärkeres Eingreifen des Staates, Enteignungen nur von jedem Siebten befürwortet

Hamburg, 14. Juli 2023 – In den letzten Jahren sind die Miet- und Kaufpreise für Wohnraum deutlich gestiegen, insbesondere in deutschen Großstädten. In der Politik werden verschiedene Gegenmaßnahmen diskutiert, darunter auch die Enteignung großer Wohnungsbaugesellschaften. Eine aktuelle Umfrage des Markt- und Meinungsforschungsinstituts Ipsos zeigt jedoch, dass nur 15 Prozent der Bundesbürger:innen diesen Schritt für am geeignetsten halten, um Preisanstiege für großstädtischen Wohnraum zu verhindern. Trotzdem spricht sich eine klare Mehrheit von 77 Prozent dafür aus, dass der Staat stärker als bisher in den Wohnungsmarkt eingreifen sollte.

Grafik: Steigende Miet- und Kaufpreise

Neue Bauvorschriften und staatlicher Wohnungsbau beliebter 

Als eine Maßnahme zur Vergünstigung des privatwirtschafltichen Wohnungsbaus wird die Vereinfachung und Absenkung aktueller Bauvorschriften angesehen – mehr als jede:r dritte Deutsche (34%) präferiert diese Option. Weitere 28 Prozent halten den staatlichen Wohnungsbau mit Hilfe von Steuergeldern für die geeignetste Lösung des Problems. Nur eine kleine Minderheit von 8 Prozent ist der Meinung, dass kein zusätzlicher Eingriff in den Wohnungsmarkt durch den Staat notwendig ist, da es aus ihrer Sicht genügend günstigen Wohnraum in ländlichen Gebieten gäbe. 
 

Linken-Wählende am ehesten für Enteignung, FDPler klar dagegen 

Bei der Beurteilung der verschiedenen Vorschläge zur Reduzierung von Preissteigerungen im Wohnungsmarkt zeigen sich erhebliche parteispezifische Unterschiede. Während sich mehr als ein Drittel (35%) der Linken-Wählerschaft und über ein Fünftel der Grünen-Sympathisant:innen (22%) für die Enteignung von Wohnungsbaugesellschaften ausspricht, können die Anhänger:innen der übrigen im Bundestag vertretenen Parteien diesem Vorschlag deutlich seltener etwas abgewinnen. Am wenigsten Zustimmung erfährt er bei den Wähler:innen der FDP (8%) und Union (9%). 

Unterstützer:innen von SPD (41%), Grünen (38%) und Linken (38%) halten staatlichen Wohnungsbau für die beste Maßnahme, um etwas gegen die steigenden Miet- und Kaufpreise für Wohnraum in Ballungszentren zu unternehmen. Anhänger:innen von FDP (50%), Union (43%) und AfD (42%) bevorzugen dagegen eine Vereinfachung und Absenkung der aktuellen Bauvorschriften. Allerdings präferiert auch unter den Wähler:innen von Union (25%), AfD (24%) und FDP (23%) je ein Viertel den Bau neuer Wohnung mit Hilfe von Steuergeldern. Andererseits sehen auch relevante Anteile der Grünen- (29%), SPD- (24%) und Linken-Anhängerschaft (18%) eine Anpassung der Bauvorschriften als beste Lösung an. 

Infografik: Mehrheit für stärkeres Eingreifen des Staates


Anpassung der Bauvorschriften vor allem auf dem Land beliebt

Während sich in ländlichen Regionen mit weniger als 20.000 Einwohner:innen der größte Anteil der Befragten (38%) für eine Vereinfachung und Absenkung der aktuellen Bauvorschriften ausspricht, überzeugt dieser Vorschlag in mittelgroßen (28%) und großen (33%) Städten mit 20.000 bis 99.000 bzw. 100.000 oder mehr Einwohner:innen deutlich weniger Befragte. Dafür kommt im städtischen und großstädtischen Milieu sowohl die Enteignung von Wohnungsbaugesellschaften (16 bzw. 17%) als auch der staatliche Wohnungsbau (je 30%) besser an als in ländlichen Regionen, wo sich nur 11 Prozent für Enteignungen und 24 Prozent für den Wohnungsbau mit Steuermitteln aussprechen. 
 

Infografik: Anpassungen der Bauvorschriften vor allem auf dem Land beliebt


Vor allem Niedrigverdienende für mehr staatlichen Wohnungsbau

Unter Personen mit einem niedrigen Nettohaushaltseinkommen von höchstens 2.000€ im Monat hält jede:r Dritte (33%) staatlichen Wohnungsbau für die geeignetste Maßnahme. Bei Befragten mit mittlerem (2.001 bis 4.000€) und hohem (> 4.000€) Einkommen sprechen sich mit 29 und 27 Prozent geringfügig weniger Personen für diese Option aus. Dafür halten diese mit 35 bzw. 39 Prozent häufiger Anpassungen der Bauvorschriften für die geeignetste Maßnahme, während dies bei den niedrig Verdienenden nur 30 Prozent tun. Bezüglich der Einstellungen zur Enteignung großer Wohnungsbaugesellschaften gibt es kaum einkommensspezifischen Unterschiede. 

Auffällig ist zudem, dass besser Verdienende deutlich seltener die Notwendigkeit staatlicher Eingriffe sehen als Personen mit einem geringeren Einkommen. Gutverdienende sind zu 15 Prozent der Meinung, dass keine zusätzlichen Eingriffe durch den Staat nötig sind, bei Personen mit mittlerem (8%) und niedrigem Einkommen (3%) ist dies seltener der Fall.

Infografik: Staatlicher Wohnungsbau vor allem bei Niedrigverdienenden beliebt


Leichte Unterschiede zwischen Ost und West

Während staatlicher Wohnungsbau in Ostdeutschland von 37 Prozent der Befragten befürwortet wird und Veränderungen von Bauvorschriften (27%) dort nur die zweitbeliebteste Maßnahme gegen hohe Miet- und Kaufpreise darstellt, sprechen sich Westdeutsche am häufigsten für die Vereinfachung von aktuellen Bauvorschriften (35%) aus. Der staatliche Wohnungsbau wird im Westen nur von 26 Prozent als beste Option eingeschätzt. 

Altersspezifische Unterschiede liegen dagegen kaum vor. Lediglich bei der Beurteilung von Enteignungen großer Wohnungsbaugesellschaften zeigen sich Differenzen. Während unter den 60- bis 75-Jährigen nur jede:r Zehnte (11%) diesen Vorschlag für besonders geeignet hält, würde bei den 18- bis 39-Jährigen immerhin jede:r Fünfte (19%) Enteignungen befürworten.
 

Methode

Quotierte Online-Befragung von 1.000 Wahlberechtigten zwischen 18 und 75 Jahren in Deutschland, repräsentativ gewichtet nach Alter, Geschlecht, Bildung, Region und Wahlverhalten bei der letzten Bundestagswahl. Die Befragung wurde vom 07. bis 09. Juli 2023 durchgeführt.

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