EU-Pläne zur nachhaltigen Klassifizierung von Atomkraft und Gasenergie spalten deutsche Bevölkerung

Der Vorschlag der EU-Kommission, Investitionen in Atom- und Gaskraftwerke unter bestimmten Umständen mit dem Argument des Klimaschutzes als nachhaltig einzustufen, wird nicht nur für die Ampelkoalition zur Belastungsprobe. Auch in der deutschen Bevölkerung zeigt sich ein recht gemischtes Meinungsbild von Unterstützung bis Ablehnung für die verschiedenen Facetten der EU-Pläne, wie eine Umfrage des Markt- und Meinungsforschungsinstituts Ipsos zeigt. Dabei antworten die Befragten je nach Parteipräferenz erwartungsgemäß unterschiedlich.

Keine eindeutige Haltung zum Vorschlag der EU-Kommission
Drei von zehn Befragten (29%) vertreten die Auffassung, dass sich der Bund dafür einsetzen sollte, dass weder Atomstrom noch Gaskraftwerke als nachhaltig eingestuft werden. Mehr als jeder Vierte (26%) ist dagegen der Meinung, dass die Ampelkoalition den Plänen Brüssels zustimmen sollte. 

Etwa ebenso viele Befragte sind wiederum der Ansicht, dass nur eine der beiden Technologien, Kernkraft oder Erdgas, als nachhaltig klassifiziert werden sollte. 17 Prozent der Deutschen halten zwar die Einstufung von Erdgasanlagen als ‚grüne‘ Technologie für unproblematisch, sehen das beim Atomstrom aber kritisch. Weitere acht Prozent fänden es im Umkehrschluss richtig, wenn sich die Bundesregierung für Investitionen in Atomkraft einsetzen würde, aber nicht für Gasenergie. 14 Prozent der Deutschen würden es wiederum bevorzugen, wenn diese Frage nicht von der EU geregelt wird, sondern von den Mitgliedsstaaten selbst entschieden werden kann.

Dr. Johannes Kaiser, Politik- und Sozialforscher bei Ipsos in Deutschland, sieht in der polarisierten Meinung der deutschen Bevölkerung gleichzeitig ein Abbild der schwierigen Gemengelage innerhalb der Europäischen Union: »Auch dort haben sich verschiedene Lager zu diesem Thema gebildet. Auf der einen Seite steht Emanuel Macron, der die Unterstützung der Atomkraft als Rückenwind für den französischen Präsidentschaftswahlkampf nutzen möchte. Auf der anderen Seite befinden sich Länder wie Österreich, die sich vehement gegen die Atomkraft stemmen. Keines der Lager hat dabei jedoch die benötigte Zweidrittelmehrheit im Europäischen Rat, um den Vorschlag der EU-Kommission zu verändern. Die Bundesregierung hat angekündigt, sich bei der europäischen Abstimmung zu enthalten, vermutlich auch weil hierzulande keine klare Präferenz der Bevölkerung abzusehen ist. Trotzdem ist diese Frage ein Stresstest für die Regierung, da sich die Grünen nur schwer mit dem EU-Vorschlag arrangieren können.« 

Grüner Widerstand, hohe Zustimmung bei Unions- und AfD-Anhängern
Nicht ohne Grund: Lediglich 6 Prozent der Grünen-Wählerschaft in Deutschland unterstützen das Vorhaben der EU und auch bei Wählern der Linken sind es nur 20 Prozent. Die größte Zustimmung für den Vorschlag der Kommission zu Atomkraft und Gas findet sich dagegen unter Anhängern der CSU (40%) und AfD (36%). Die Wählerschaft der CDU (25%), FDP (24%) und SPD (23%) befinden sich bei dieser Frage im Mittelfeld. 

Folgerichtig stimmen Grünen- (56%) und Linken-Anhänger (49%) auch besonders häufig der Aussage zu, dass sich die Bundesregierung dafür einsetzen sollte, dass weder Erdgas- noch Atomanlagen als nachhaltig eingestuft werden. Befragte, die nach eigenen Angaben eher der CDU (21%), CSU (22%), FDP (23%) oder AfD (24%) nahestehen, stellen im Umkehrschluss vergleichsweise selten diese Forderung.

Grüner Widerstand

Methode
Die Befragung wurde vom 06. Januar bis zum 09. Januar 2022 durchgeführt. Es wurden n = 1.000 Personen in Deutschland im Alter von 16 bis 75 Jahren online befragt. Die Daten wurden repräsentativ für die wahlberechtigte Bevölkerung in Deutschland nach Alter, Geschlecht, Bildung und Region gewichtet.
 

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